Söğüt / Ertuğrul Gazi
Der Gründer, über den wir am wenigsten wissen.
Vater Osman Gazis und Grenzfürst von Söğüt. Sein Name steht überall, doch kein einziges Dokument aus seiner eigenen Lebenszeit erwähnt ihn. Diese Seite zeigt, was bekannt ist — und wo das Wissen endet.
Ertuğrul Gazi war der Vater des Mannes, der ein Reich über drei Kontinente gründete. Und doch ist da eine Merkwürdigkeit: kein Geschichtsschreiber seiner eigenen Zeit erwähnt ihn.
Zuerst das Quellenproblem
Fast alles, was wir über Ertuğrul Gazi wissen, stammt aus osmanischen Chroniken, die erst im frühen 15. Jahrhundert entstanden — also hundert bis hundertfünfzig Jahre nach den Ereignissen.
Warum das wichtig ist, zeigt eine einfache Beobachtung: Georgios Pachymeres, byzantinischer Historiker und Zeitgenosse Ertuğruls, nennt ihn nie; ebenso wenig die byzantinischen Historiker des 14. Jahrhunderts Ioannes Kantakuzenos und Nikephoros Gregoras. Dasselbe gilt für die muslimischen Autoren İbn Fazlullah al-Umarī und Ibn Battūta, die Mitte des 14. Jahrhunderts schrieben und zwar von Osman Bey berichten, über dessen Vater aber kein Wort verlieren.
Das heißt nicht, dass Ertuğrul Gazi nicht gelebt hat. Dass ein Stammesführer an der Grenze keine Aufmerksamkeit erregt, bevor sein Sohn einen Staat gründet, ist völlig gewöhnlich. Aber die Einzelheiten der Erzählung — sein Alter beim Tod, an welchen Schlachten er teilnahm — sollte man mit dieser Lücke im Hinterkopf lesen.
Wer war sein Vater: Gündüz Alp oder Süleyman Şah?
Die frühen osmanischen Historiker sind hier geteilter Meinung. Ahmedî, Enverî und Karamânî Mehmed Paşa nennen Gündüz Alp; Oruç b. Âdil, Âşıkpaşazâde und Neşrî dagegen Süleyman Şah.
Eine Münze hat den Streit weitgehend entschieden. Eine erhaltene Münze Osman Beys trägt die Inschrift „Osman b. Ertuğrul b. Gündüz Alp" — der Vater war also Gündüz Alp. Die in der Volksüberlieferung fest verankerte Version mit Süleyman Şah gilt heute überwiegend als aufgegeben.
Wie kamen sie nach Söğüt?
Der historischen Überlieferung nach erreichte der Kayı-Stamm Anatolien nicht in einem Zug, sondern schrittweise: zunächst die Gegend von Ahlat, dann unter mongolischem Druck Mardin, danach — nach weiteren mongolischen Plünderungen — westwärts in die Ebene von Pasinler bei Erzurum.
Hier beginnt die bekannteste Szene. Bei Sivas sieht Ertuğrul Gazi ein seldschukisches Heer im Kampf gegen die Mongolen unterliegen, eilt ihm zu Hilfe und wendet das Blatt. Diese Schlacht wird häufig mit der Schlacht von Yassıçimen (1230) gleichgesetzt. Doch Vorsicht: Die Szene findet sich allein in Neşrîs Cihannümâ — sie beruht auf einer einzigen Quelle.
Sultan Alâeddin Keykubad I. verlieh ihm daraufhin Karacadağ und Umgebung bei Ankara (1230). Später schickte Ertuğrul Gazi seinen Sohn Savcı Bey zum Sultan, um neues Land zu erbitten, und ließ sich westlich an der byzantinischen Grenze bei Söğüt im unteren Sakarya-Becken nieder.
1231 waren beim Gefecht zwischen seldschukischen Truppen und Verbänden des Kaiserreichs Nikaia bei Ermeni Derbendi, zwischen dem heutigen Pazaryeri und Bozüyük, Ertuğrul Beys Reiter ausschlaggebend. Der Sultan belohnte ihn mit Eskişehir und Umgebung. Kurz darauf übernahm er die Belagerung von Karacahisar und nahm die Burg ein (629/1231-32); ein Fünftel der Beute sandte er dem Sultan.
Winterlager Söğüt, Sommerweide Domaniç
Ertuğrul Gazis Lebensform war nicht sesshaft, sondern halbnomadisch: die Winter in Söğüt, die Sommer auf den Weiden von Domaniç. Kein einziges der Bauwerke, die man heute in Söğüt sieht, stammt aus seiner Zeit — denn damals stand hier keine Stadt, sondern ein Lager.
Überliefert ist, dass er mit den benachbarten griechischen Herren gut auskam, besonders mit den Tekfuren von Bilecik und Osmaneli (Lefke). Erfahrene Grenzfürsten wie Akça Koca, Samsa Çavuş, Konuralp und Aykut Alp sammelten sich mit der Zeit um ihn. Das ließ das Fürstentum wachsen: Bündnisse ebenso wie Krieg.
Wann starb er?
Gängig ist 680/1281-82; er soll über neunzig geworden sein. In den Quellen erscheinen aber auch 1288 und 1289. Ein gesichertes Datum gibt es nicht.
Für 1279 ist überliefert, dass er den seldschukischen Sultan Gıyâseddin Keyhusrev III. empfing und ihm Treue bekundete. Danach scheint er stark gealtert zu sein und die Führung des Stammes seinem Sohn Osman Bey überlassen zu haben.
Das Grabmal: 19. Jahrhundert, nicht 13.

Das Bauwerk, das Sie besuchen, stammt nicht aus dem Jahr der Bestattung. Die Schichten liegen ungefähr so:
- Ende 13. Jahrhundert — von Osman Gazi als offenes Grab angelegt.
- Anfang 15. Jahrhundert — von Çelebi Mehmed (Mehmed I.) überdacht und zum Grabmal ausgebaut.
- 1757 — unter Mustafa III. so gründlich instand gesetzt, dass die ursprüngliche Gestalt weitgehend verschwand.
- 1886 — erneut durch Abdülhamid II. restauriert, der einen Brunnen daneben setzen ließ. Dieser Eingriff bestimmt das heutige Erscheinungsbild.
- 1905 — die Häuser um das Grabmal wurden enteignet, der Festplatz vergrößert.
Ein Widerspruch bei den Daten. Die Seite des Landratsamts Söğüt nennt für die Restaurierung unter Mustafa III. das Jahr 1737. Da Mustafa III. erst 1757 den Thron bestieg, kann dieses Datum nicht stimmen; das bei Wikipedia genannte Jahr 1757 ist stimmig. Klarheit brächten die Akten der Generaldirektion der Stiftungen.
Der Bau ist sechseckig und von einer Kuppel gedeckt. Die Mauern bestehen aus einer Lage Stein und zwei Lagen Ziegel — ein Wechselmauerwerk, das frühosmanische Bauten nachahmt. Die Kuppel ist mit Blei gedeckt. Am Eingang liegen zwei Fenster, in der West- und Südostwand der Sarkophagkammer rechteckige Öffnungen.
Aus den Restaurierungen sind zwei Inschriften erhalten: eine am Brunnen neben der Tür, die andere über dem Eingang. Beide sind in Versform und nennen den auftraggebenden Sultan samt Jahr.

1921: die Zerstörung des Grabmals
Söğüt und Umgebung erlitten im Befreiungskrieg schwere Schäden. In der amtlichen Erklärung „Âlem-i İnsaniyete Beyanname" vom 12. April 1921 führte Mustafa Kemal Pascha, Präsident der Großen Nationalversammlung der Türkei, unter den Taten der griechischen Armee auf, dass das Ertuğrul-Gazi-Grabmal in Söğüt mit Dynamit gesprengt worden sei.
Das Grabmal wurde später wiederhergestellt. An Wänden und Fenstern sind jedoch bis heute Einschusslöcher aus jener Zeit zu sehen — achten Sie beim Besuch darauf.
Wer liegt im Friedhof?
Unmittelbar außerhalb und in der Nähe des Grabmals liegen zahlreiche Gräber aus der Gründungszeit. Die wichtigsten:
- Halime Hatun — Ertuğrul Gazis Frau
- Savcı Bey — sein Sohn
- Das Kenotaph Osman Gazis (sein eigentliches Grab liegt in Bursa)
- Sein Bruder Dündar Bey
- Waffengefährten: Konur Alp, Karamürsel, Abdurrahman Gazi, Hasan Alp, Saltuk Alp, Aykut Alp, Gündüz Bey, Aydoğdu Bey, Pazarlı Bey, Akbıyık Bey und weitere
Die Karakeçili und der Ursprung der Festwoche

Die Söğüt-Festwoche entstand nicht als städtische Veranstaltung. Angehörige des Kayı-Stammes, besonders die Karakeçili, machten das Grabmal nach Ertuğrul Gazis Tod zu einem Ort der Verehrung, kamen jahrelang hierher, hielten Feste und gedachten ihrer Vorfahren mit Spielen wie Dschirit und Ringkampf.
Als die Enteignung von 1905 einen weiten Platz um das Grabmal schuf, verfestigte sich der Brauch zu einer festen Zeremonie: Jedes Jahr kamen die Karakeçili in historischer Tracht nach Söğüt, zogen zu Pferd im Festzug und trugen Verse vor. Das ist der Kern der heutigen Festwoche.
Besuch
- Geöffnet: 09.00 – 18.00 Uhr
- Lage: im Zentrum von Söğüt, an der Ertuğrulgazi Caddesi. Manche Quellen verorten das Grabmal an der Straße Söğüt–Bilecik, rund 1 km östlich des Zentrums.
- Das Grabmal ist ein Ort der Andacht: leise verhalten, vor dem Fotografieren das Personal fragen.
- In der Festwoche steigen die Besucherzahlen stark. Wer das Bauwerk in Ruhe sehen will, wählt einen anderen Termin.
Quellen
Diese Seite wurde aus den folgenden Quellen zusammengestellt. Für Einzelheiten bitte direkt dort nachlesen:
- Fahameddin Başar, „Ertuğrul Gazi", TDV İslâm Ansiklopedisi, Bd. 11, S. 314-315 (1995)
- Ertuğrul Gazi Türbesi — Wikipedia (türkisch)
- Ertuğrul Gazi Türbesi — Landratsamt Söğüt
Der Text stützt sich auf Angaben dieser Quellen; er ist kein Zitat. Wo die Quellen einander widersprechende Daten nennen, ist der Widerspruch im Text vermerkt.